Dokdo in aller Munde
Gegenwärtig erleben die Beziehungen zwischen Japan und Korea eine erneute Belastungsprobe. Stein des Anstoßes sind einige Felsbrocken im Meer zwischen Japan und Korea, die von den Koreanern Dokdo genannt werden. Die beiden Hauptinseln und 32 kleinere Riffe haben eine Gesamtfläche gerade mal 18 ha, was einem Drittel der Fläche von Helgoland entspricht.
Neben anderen Streitpunkten, die sich allesamt um die unaufgearbeitete Geschiche des japanischen Imperialismus drehen, ist die Insel Dokdo wiederholt Gegenstand von Auseinandersetzungen. Die japanische Regierung erhebt regelmäßig Besitzansprüche auf diese Insel, die von Japanern als Takeshima bezeichnet wird. Der Streit dreht sich nicht nur um Fischereigründe und Bodenschätze, vor allem auf der symbolischen Ebene finden erbitterte Kämpfe statt.Ähnlich verhält es sich mit der Bezeichnung des Meeres zwischen Japan und Korea. In internationalen Karten wird das Meer als Japanisches Meer bezeichnet - eine Benennung, die wohl höchstens zur Zeit der japanischen Besatzung Koreas Sinn machte, heute aber unangemessen erscheint. Die koreanische Regierung setzt sich darum dafür ein, dass dieses Meer die koreanische Bezeichnung Ostsee erhält. Dieser Vorschlag ist für Japan nicht nur deswegen nicht akzeptabel, weil dieses Meer von Japan aus gesehen im Nordwesten liegt, auch sieht man ganz allgemein keinen Grund für eine Namensänderung. Da sich beide Regierungen nicht auf eine gemeinsame Lösung einigen können, wird dieses Meer in vielen Karten mittlerweile mit zwei Namen ausgezeichnet.
Ein weiterer Streitpunkt zwischen beiden Ländern ist die Darstellung des japanischen Imperialismus in japanischen Geschichtsbüchern. Die Besetzung Koreas wird in japanischen Schulbüchern in der Regel in nur zwei Seiten abgehandelt und sogar beschönigend dargestellt. Von Zwangsarbeit, Zwangsprostitution, kultureller Unterdrückung, gewaltsam niedergeschlagenen Aufständen und Ausbeutung wird nichts erwähnt, dafür wird gelehrt, dass Japan die koreanische Wirtschaft aufgebaut hat. Der historischen Verbrechen ihres Landes sind sich die meisten Japaner daher gar nicht bewusst.
365 Tage im Jahr ist Dokdo-Tag. Es gibt kein Takeshima! |
Der Streit um Dokdo eskalierte, als bekannt wurde, dass die japanische Präfektur Shimane plant, den 22. Februar zum Takeshima-Tag zu erklären. Öl ins Feuer goss der japanische Botschafter Toshiyuki Takana, der dazu bemerkte, dass Dokdo japanisches Territorium sei. Seitdem finden vor der japanischen Botschaft wütende Demonstrationen statt. Der Botschafter ist mittlerweile vorrübergehend nach Japan zurückgekehrt. Ein vorläufiger Höhepunkt der Proteste war erreicht, als sich vor gut zwei Wochen ein Mann und eine Frau sich zwei Finger abschnitten und gegen das Botschaftsgebäude warfen und ein 53-Jähriger versuchte, sich vor der Botschaft bei lebendigem Leib zu verbrennen.
Nicht nur in den Nachrichten, sondern auch bei vielen anderen Gelegenheiten wird man derzeit mit dem Konflikt um die Insel Dokdo konfrontiert. So nutzen diverse Geschäfte die patriotische Welle, um ihre Produkte an den Mann zu bringen. Das obige Banner des Musikportals Bugs.co.kr verweist beispielsweise auf eine Internetseite, bei der man sich das Dokdo-Lied als Handy-Klingelton herunterladen kann. Wenn man den rechten Button klickt, kommt man zu einer Auswahl von
Coverversionen dieses Liedes, die man sich auf der Internetseite direkt anhören kann. (Eine Übersetzung des Textes finden Sie hier). Das Dokdo-Lied war zur Regierungszeit des koreanischen Präsident Chun Doo-Hwan (1980 bis 1988) verboten, da man wirtschaftliche Beziehungen mit Japan nicht gefährden wollte. Die derzeitige Regierung um Roh Moo-Hyun gibt sich da selbstbewusster - nationale Fragen wie die Affäre um die Insel Dokdo werden ausdrücklich als vorrangig behandelt.
Für meinen Geschmack deutlich zu weit ging der Büromaterial-Händler Officeway. Auf dem Banner ist die Insel Dokdo mit gehisster Koreanischer Flagge zu sehen. Davor steht der japanische Präsident Junichiro Koizumi, auf den sich ein Fadenkreuz richtet, wenn man sich mit dem Mauszeiger darüber bewegt. Lasst uns die koreanische Flagge hissen!, fordert das Banner auf. Wenn man klickt, gelangt man zu einem Computerspiel, wo man Düsenjäger vor der Kulisse der Insel Dokdo abschießen kann. Wenn man die Flugzeuge trifft, fällt ein mit Dauerwelle versehener Koizumi vom Himmel.
Hier geht es direkt zum Spiel |
Mein japanischer Mitbewohner, der zur Zeit der Dokdo-Krise kein leichtes Leben hat, erkundigte sich bei mir, wie wir Deutschen es geschafft haben, mit den Nachbarländern in ein gutes Verhältnis einzutreten. Auch wenn es für uns Deutsche ein befremdliches Gefühl ist, auf unser Land stolz zu sein - ich glaube, in diesem Punkte können wir es. Man kann Deutschland vieles vorwerfen, aber bestimmt nicht, dass die Verbrechen des deutschen Faschismus nicht ernst genommen wurden. Eine nationale Verbohrtheit prägt weder unsere Politik noch unser Bildungsystem. Gewiss gibt es gerade im Bereich der Geschichtsbewältigung viele Widersprüchlichkeiten und blinde Flecke im öffentlichen Bewusstsein, die zeigen, dass der Lernprozess noch lange nicht abgeschlossen ist. Den größten Schaden haben wir jedoch vermieden, und das, obwohl wir Deutschen sicherlich noch lange mit dem industrialisierten Massenmord assoziiert werden.
Dass die umliegenden europäischen Nachbarländer Deutschland nach all den Verbrechen des zweiten Weltkrieges als gleichwertigen Partner akzeptieren und Gerhard Schröder sogar beim 60. Jahrestag der Landung in der Normandie willkommener Gast ist, dafür muss man dankbar sein. Wenn ich eines durch die Gespräche mit den Studenten in meinem Wohnheim gelernt habe, dann ist es, dass die guten Beziehungen der europäischen Staaten zueinander in weltweiten Vergleich nicht die Regel, sondern eine Ausnahme sind.
